Tierschutzwelt und Little-Animals

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Türchen 13: Jenseits des großen Stromes…

von Hannelore Rodrian

Eine Geschichte für euch alle, die ihr geliebte Seelen verloren aber nicht vergessen habt…

Heute vor drei Jahren ging Lise in die Ewigkeit.

Als ich sie das erste Mal sah, hockte sie auf dem Kopf eines Rottweilers, dessen Größe sie damals nicht mal annähernd erreichte.(Des Kopfes, nicht des ganzen Rottis)

Das Berliner Tierheim befand sich am 26.November 1994 noch in Lankwitz und war Lichtjahre von der Betonstadt in Lichtenberg entfernt, die nur wenig später das Domizil hunderter verlassener Tiere werden sollte. Damals war es ein kleines Gebäude, inmitten eines Tierfriedhofes, und Gebell und Geheul waren bis auf die Straße zu vernehmen. Ich hatte mich von Nachbarin und Tochter  hinlotsen lassen um mal (unverbindlich) nach einem Zweithund, als Gesellschaft für unsere Hündin Sisi, zu schauen – aber warum ich tatsächlich hin ging weiß ich bis heute nicht.

Ich marschierte, krampfhaft um Scheuklappen bemüht und meine Nachgiebigkeit verfluchend, durch die schmalen Gänge, wohl ahnend, dass ich Schwierigkeiten haben würde hier wieder ohne Hund herauszukommen. Denn da saßen sie, die Wehrlosen, die Verlassenen und Verstoßenen, die Zufallsprodukte, die Abfallgeschöpfe, die keiner braucht und keiner will, die Vergessenen, voll Kummer, Angst und Hoffnung, in ihren engen Zellen und den winzigen Höfen, die sich „Ausläufe“ nennen. Fellbündel pressen sich an die Gitter, Pfoten versuchen hindurch zu gelangen, Nasen wollen Witterung aufnehmen, Augen betteln um Aufmerksamkeit. Und am schlimmsten sind die, die reglos in einer Ecke liegen und alle Hoffnung aufgegeben haben. Meine Tochter kauerte bereits vor einem der Zwinger, einen großen Schäferhundmix kraulend und ich schwor innerlich einen feierlichen Eid, nicht mit einem Schäferhund im Schlepp dieses Asyl zu verlassen.

Hinten in der Ecke, ungerührt um den Krawall um ihn herum, lag ein mächtiger Rottweiler, das gewaltige Haupt von einem hennaroten Winzling gekrönt, der, ein Ohr steil gerichtet, das andere schlapp hängend, mit bernsteinhellen Augen, deren Ausdruck nicht anders als herausfordernd bezeichnet werden konnte, zu mir herüber sah.

„Falls du dich mit der Absicht trägst mich hier wegzuholen, “ erklärten diese Augen, „kann ich dir jetzt schon versichern, dass es kein Schleck für dich wird. Also mach mir später keine Vorwürfe. Du bist gewarnt!“

Ich nahm die Warnung ernst und handelte (mit meiner Tochter) einen Aufschub von einer Woche aus, in der Annahme, so ein kleiner und kleinbleibender Welpe würde rasant weggehen. Aber niemand wollte sie haben. Also holten wir sie am 1.Dezember 1994 nach Hause und nannten sie Lise. Eigentlich Lieschen, aber so winzig sie auch war – sie war kein Hund für Verniedlichungen.

Sie hielt ihre Versprechen. Alle. Selbst die, die sie nie gegeben hatte und nach einem halben Jahr war ich so weit sie kompetenteren Händen als den meinen zu überlassen.

Sie drängte unsere arme Sisi, deren Schaukelpferdgemüt dem kleinen Terroristen in keiner Hinsicht gewachsen war, komplett an den Rand; sie zerlegte zunächst das Sofa, dann das Bett, dann den Küchenschrank und kreischte das ganze Haus zusammen, wenn sie allein bleiben sollte. Und dennoch konnte ich sie nicht verstoßen. Sie war mein Kreuz und offenbar musste ich es bis Golgatha und wieder zurück tragen. Ich denke heute, dass sie ebenso meine Heimat war, wie ich die ihre.

Denn sie blieb 17 Jahre bei mir. Sie hat Sisi, die zeitlebens das brave Kind in der Klasse war, um mehr als vier Jahre überlebt, mit Herzfehler, geschädigten Nieren und angeschlagener  Bauchspeicheldrüse, blind, schwerhörig, zahnlos, uralt und eindeutig senil.

Es gab Tage an denen ich morgens dachte dass sie den Abend nicht mehr erleben würde – aber vier Stunden später wünschte sie dann mit Nachdruck ihre ausgefallenen Mahlzeiten nachzuholen.

Sie machte dem Ruf der Pinscherzähigkeit alle Ehre – und gab mir die Zeit der Vorbereitung auf ihren „dritten Tag“, ebenso wie die Gnade, den Weg dorthin mit ihr gemeinsam und Schritt für Schritt zu gehen.

Ich hoffte auf die Barmherzigkeit, dass sie friedlich und aus eigener Kraft hinüber gehen würde – nicht dass ich die Entscheidung treffen musste zu sagen: es ist so weit.

Aber ich musste es doch.

Heute vor drei Jahren ging Lise in die Ewigkeit.

Und das Solarlicht, das seither auf meinem Balkon steht, flackert jeden Abend bevor ich zu Bett gehe, und wünscht mir gute Nacht.

Und wenn für Dich die Zeit gekommen ist den Fluss, der uns beide trennte zu überqueren, werde ich zu Dir hinübereilen, damit wir endlich wieder zusammen, Seite an Seite sein können.
Es gibt so viel, das ich Dir zeigen muss und es gibt so viel für Dich zu sehen.
Habe Geduld und setze Deine Lebensreise fort und dann komm,
komm heim zu mir.

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